Intimität, Sexualität und Solidarität in der COVID-19-Pandemie

Forschungsziel

Intimität ist eine Qualität sozialer Beziehungen, die sich prinzipiell in sehr unterschiedlichen Beziehungsformen entwickeln kann. Intime Beziehungen zeichnen sich durch Vertrauen, Verlässlichkeit, Verbundenheit und emotionale, körperliche, soziale, intellektuelle und/oder solidarische Nähe aus. Physische Nähe ist zwar keine Voraussetzung für das Erleben von Intimität. Distanzierungserfahrungen, wie wir sie im Rahmen der Pandemiebekämpfung aktuell erleben, verändern allerdings die Grundlagen sozialer Vertrauensbeziehungen.

Um besser zu verstehen, wie sich soziale Beziehungen durch die Pandemie verändern und welche psychosozialen Auswirkungen die COVID-19-Krise auf die Bevölkerung hat, erforscht die Studie "Intimität, Sexualität und Solidarität in der COVID-19-Pandemie", wie Menschen mit den Ausgangsbeschränkungen umgehen und wie sich diese auf Freundschaften, familiäre und berufliche Beziehungen, Liebesbeziehungen, Dating und sexuelles Verhalten auswirken. Außerdem erhebt die Studie die aktuellen Lebensumstände, soziale Isolation und Einsamkeit, psychosoziale Unterstützungsleistungen, Solidarität, Sorgen und Zusammenhalt.


Forschungsdesign

Das Forschungsprojekt integriert quantitative und qualitative Elemente in einem Mixed Methods Design. Von 1.-30. April 2020 wurde eine Ersterhebung zu Intimität und Distanzierung in der COVID-19-Pandemie an der Schnittstelle von Soziologie, Psychologie und Sexualwissenschaft in Österreich und Deutschland durchgeführt. Insgesamt haben sich über 8100 Personen aus Österreich und Deutschland an der Befragung beteiligt. Rund 4900 Personen haben den Fragebogen vollständig ausgefüllt. Eine so umfassende Datengrundlage zu sozialen Beziehungen und Intimität in der Pandemie ist im internationalen Vergleich selten.

Auf der Basis der Auswertungen der umfassenden Ersterhebung wurden von 10.11.-10.12.2020 im Rahmen einer Folgeerhebung Vergleichsdaten in Österreich und Deutschland erhoben, die aktuell ausgewertet werden. Die Stichprobe der zweiten Befragung umfasst 2569 Personen. Im Frühjahr 2021 wird außerdem eine Vertiefungsstudie mit qualitativen Interviews in Wien durchgeführt.


Forschungsteilprojekte

„Intimität, Sexualität und Solidarität in der COVID-19-Pandemie“, Projektlaufzeit: 01-11/2021, in Kooperation mit der Meiji University Tokyo, Japan, finanziell gefördert von der Wissenschafts- und Forschungsförderung der Stadt Wien

„Psychosoziale Gesundheit und solidarische Praktiken in der COVID-19-Pandemie“, Projektlaufzeit 12/2020-09/2021, finanziell gefördert vom Netzwerk Wissenschaft der AK Wien

„Liebe, Intimität und Sexualität in der COVID-19-Pandemie - Folgeerhebung II“, Laufzeit 09-12/2020, finanziell gefördert von der Wissenschafts- und Forschungsförderung der Stadt Wien

„Liebe, Intimität und Sexualität in Zeiten von Corona“, Laufzeit 03-09/2020, eigenfinanzierte Pilotstudie in Kooperation mit dem Kinsey Institute, Indiana University, US, und dem Institut für Statistik der Sigmund Freud Universität Wien


Forschungsteam

Projektleitung: Dr. Barbara Rothmüller
Wissenschaftliche Projektmitarbeit: Emelie Rack, BA und Dr. Laura Wiesböck
Projektassistenz: Sophie König, MA und Mag. Anna Maria Diem


Aktuelle Vorträge

Rothmüller, Barbara: "Ausgrenzungserfahrungen, Kontaktverlust und Kontaktabbrüche: Wie die Pandemie soziale Beziehungen verändert", Vortrag bei der interdisziplinären Ringvorlesung
Das Soziale und die Corona-Krise. Aktuelle Forschungen zu den gesellschaftlichen Konsequenzen der Pandemie, Universität Wien, 18.3.2021.

Rothmüller, Barbara: "Intime Nähe und Distanz im Lockdown: Zur Komplexität des Pandemieerlebens in Österreich und Deutschland", Vortrag an der Sigmund Freud Universität Berlin, 13.4.2021.

Rothmüller, Barbara: "The Grip of Pandemic Mono-normativity: Concealment in the Time of COVID-19", Vortrag bei Pandemics and Sexualities, Session der Section on Sociology of Sexualities im Rahmen von Emancipatory Sociology: Rising to the Du Boisian Challenge, 116th American Sociological Association Virtual Annual Meeting, 6.-10.8.2021.

Rothmüller, Barbara / Wiesböck, Laura / Rack, Emelie: "Intimität und Sexualität in Zeiten physischer Distanzierung", Organisation einer Ad-hoc-Gruppe bei Post-Corona-Gesellschaft? Pandemie, Krise und ihre Folgen. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie und der Österreichischen Gesellschaft für Soziologie, 23.-25.8.2021, WU Wien.


Publikationen

Rothmüller, Barbara / Wiesböck, Laura (2021): Intimität, Sexualität und Solidarität in der COVID-19 Pandemie. Bericht über erste Ergebnisse der Folgeerhebung. Wien.

Rothmüller, Barbara: "The Grip of Pandemic Mono-normativity: Concealment and Transformations of Intimacies in Austria and Germany." Manuskript im Peer Review für ein Special Issue zum Vergleich der COVID-19 mit der AIDS-Pandemie.

Rothmüller, Barbara (2020): Intimität und soziale Beziehungen in der Zeit physischer Distanzierung. Ausgewählte Zwischenergebnisse der Pilotstudie zur COVID-19-Pandemie. Wien.

"The Mental Health and Well-Being of LGBTQ+ People During the COVID-19 Pandemic: Summary of International Findings." Manuskript in Vorbereitung.

Eine Broschüre mit Informationen zum Schutz der Privatsphäre bei sexuellen Onlineaktivitäten gibt es hier zum Download: Safe(r) Cyber Sex Guide 2020



Kooperationen

Die Pilotstudie wurde in Kooperation mit dem Kinsey Institute der Indiana University, Bloomington, US, mit Unterstützung von Mitarbeiter*innen des Instituts für Statistik der Sigmund Freud Universität Wien umgesetzt. Für die Folgeerhebung stehe ich in internationalem Austausch mit Soziologinnen der Meiji University, Tokyo, Japan.
Kooperationspartner*innen in Österreich sind Ass.-Prof.in Dr.in Nora Ruck und Dr. Markus Brunner vom Fachbereich Sozialpsychologie sowie die Forschungsgruppe Mensch-Tier-Beziehung der Abteilung Klinische Psychologie der Fakultät für Psychologie der Sigmund Freud PrivatUniversität, Univ.-Prof.in Mag.a Dr.in Birgit Ursula Stetina, Christine Krouzecky, MMSc. und Lisa Emmett, BSc., MSc.
Besonderer Dank für ihre Unterstützung der Studie gilt Ass.-Prof. Dr. Nora Ruck, Fachbereich Sozialpsychologie und Vizedekanin für Forschung an der Sigmund Freud Universität Wien. Seit Mai 2020 werde ich bei der Forschung von Emelie Rack, Sophie König
und Anna Maria Diem unterstützt. Mein Dank gilt außerdem David Seistock vom Institut für Statistik für seine Unterstützung bei der Implementierung der Onlinebefragungen.


Kontakt für Rückfragen zur Studie
barbara.rothmueller@univie.ac.at.

Updates
auf Twitter und in der Pressesammlung zur Studie.


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Psychologisierung und Politisierung von Ungleichheiten

Seit Herbst 2019 forsche ich als Post Doc zur Entwicklung feministischer Psychologie(n) im Rahmen des FWF-Projektes The Psychological is Political (2018-2021) an der Sigmund Freud Universität Wien. In dem Projekt erforschen wir, wie im Zuge der zweiten Frauenbewegung die psychologischen Dimensionen von Geschlechterungleichheiten thematisiert und emanzipatorische Praktiken psychologischer (Selbst-)Hilfe entwickelt wurden. Die entstehenden psychologischen Beratungsangebote politisierten individuell erfahrene Diskriminierung, psychologisierten aber umgekehrt auch strukturelle Ungleichheiten. Gemeinsam mit Nora Ruck, Vera Luckgei, Nina Franke und Emelie Rack arbeiten wir diese Widersprüche im Kontext des sich entwickelnden Feldes psychologischer und psychotherapeutischer Angebote für unterschiedliche Gruppen von Frauen* in Wien auf.

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Bildungspolitik und Bildungsungleichheiten

Ein weiterer meiner wissenschaftlichen Schwerpunkte liegt auf der Erforschung von Bildungsungleichheiten, die in Österreich stark ausgeprägt und soziologisch unzureichend erforscht sind. Warum das so ist und wer sich in der COVID-19-Pandemie Sorgen um eine Bildungskrise macht, habe ich beim Symposium "Kinderarmut und Bildung" der Volkshilfe erklärt. Die mit über 700 Teilnehmer*innen sehr gut besuchte und hybrid aufbereitete Veranstaltung kann hier nachgesehen werden. Zum Thema Kinderarmut und Bildungsungleichheiten habe ich im Frühjahr 2020 auch einen Artikel mit Philipp Schnell publiziert. 2021 wird außerdem ein praxistheoretischer Beitrag zum kleinbürgerlichen Aufstiegshabitus und Abstiegsängsten in der Mittelschicht im Sammelband "Die Mittelschicht unter Druck. Dynamiken in der österreichischen Mitte" erscheinen, der von Laura Wiesböck und Roland Verwiebe herausgegeben wird.

Um Bildungsungleichheiten in der pädagogischen Praxis gegenzusteuern, braucht es u.a. mehr Wissen und Verständnis der benachteiligenden Prozesse in der Schule. Im Jänner 2020 habe ich eine Fortbildung
zu sozialer Gerechtigkeit und Klassismus angeboten; eine zweitägige Fortbildung für Pädagog*innen zu Klassismus und Bildungsungleichheiten wird im April 2021 am Institut für Freizeitpädagogik stattfinden.
Wer sich für die theoretischen Grundlagen einer klassismussensiblen Pädagogik interessiert, kann Grundlagen zur Praxistheorie Pierre Bourdieus in meinem Vortrag "40 Jahre 'Die Feinen Unterschiede' von Pierre Bourdieu" nachhören, den ich im Berliner Club about blank gehalten habe.

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Kontakt
barbara.rothmueller@univie.ac.at

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